Bad Oldesloe:
Bis in die 1960er-Jahre wurde Müll oft unkritisch entsorgt. Das führte dazu, dass später wilde Müllkippen Probleme machten wie in Barsbüttel, wo neue Wohnhäuser wieder abgerissen werden mussten. Langsam setzte ein Umdenken bei der Abfallentsorgung ein: 1975 planten der Kreis Stormarn und die Stadt Hamburg den Bau einer länderübergreifenden Müllverbrennungsanlage (MVA) in Stapelfeld.
„Wenn das auf etwa 85 Millionen Mark veranschlagte Mammutwerk gegen Ende 1978 fertig sein wird, können fast alle bisher vorhandenen offenen Mülldeponien (…) geschlossen werden“, meldeten die „Stormarner Nachrichten“ am 24. November 1976 zu Beginn der Erschließungsarbeiten. Die hätten schon sechs Monate früher anfangen können, aber zwei Trittauer Bürger und eine Umweltschutzinitiative hatten vor dem Verwaltungsgericht in Schleswig gegen den Bau geklagt. Doch das Gericht gab grünes Licht, sodass die MVA gebaut werden konnte. Die Stormarner Politik hatte sich lange mit dem Vorhaben auseinandergesetzt, das ein Gemeinschaftsprojekt des Stormarner Müllbeseitigungsverbands und der Stadt Hamburg war. Stormarn und der Kreis Herzogtum Lauenburg sollten zu je zehn Prozent an der MVA beteiligt sein, Hamburg mit 80 Prozent. Zuvor ließ sich der Kreistag von einem Fachmann über das Thema Müllverbrennung informieren: Am 5. Februar 1974 war eine Kreistagssitzung anberaumt, die als einzigen Tagesordnungspunkt die Müllverbrennungsanlage in Stapelfeld hatte.
Viele Proteste
Im Kreisarchiv ist der Vortrag archiviert. „Der Referent kommt zu dem Ergebnis, dass aufgrund einer vom Battelle-Institut durchgeführten Nutzwertanalyse der Müllverbrennung der Vorzug gegenüber der Deponie und der Kompostierung gegeben werden müsse“, fasste der Protokollant zusammen. Die entstehende Wärme solle „im Hinblick auf die begrenzten Brennstoffvorräte“ verwertet werden.
Gegen den Bau gab es bei Nachbargemeinden und Anliegern erhebliche Bedenken, auch bildeten sich mehrere Bürgerinitiativen gegen das Vorhaben. Was für Schadstoffe kommen aus dem Schornstein? Ist die Filteranlage stark genug? Wie stark nimmt der Lkw-Verkehr für den Mülltransport zu? „260 000 Tonnen Müll, konzentriert zu einer Anlage gefahren, 50000 – 55000 Lastwagen (hin und zurück)“, rechnete ein Gegner in einem Leserbrief vor. Doch Bürgerinitiativen und Klagen hatten keinen Erfolg, die Anlage wurde gebaut.

Bau: Blick auf die Baustelle mit mehreren Baukränen
Die MVA verbrannte zu Beginn jährlich 260.000 Tonnen Abfälle aus Haushalten, Gewerbe und Industrie. Die dabei anfallenden 100 Millionen Kilowatt Strom wurden in das Netz gespeist. Nach dem Netzausbau 1982/1983 wurden rund 90 Prozent des Dorfes statt durch Öl-Öfen mit Fernwärme für Heizung und Warmwasser versorgt. Später konnte mit der Abwärme ein Schwimmbad beheizt werden, das bis vor wenigen Jahren bestand. „Für den Transport der großen Müllmengen werden mit erheblichen Kosten zum Teil auch neue Straßen gebaut, oder vorhandene endlich hergerichtet. Dazu gehört auch das ohnehin schon geplante Verlegen der Autobahnanschlussstelle Stapelfeld um 800 Meter nach Norden“, schrieb die Zeitung 1976.
Biomassekraftwerk verhindert
2001 gab es wieder Proteste: Damals wollte der Betreiber Eon in Stapelfeld neben der MVA ein Biomassekraftwerk bauen. Doch Bürgerinitiativen und Anlieger wehrten sich: Die Region sei mit der MVA schon genug belastet. Im Mai 2002 wurde schließlich ein Schiedsgericht eingesetzt.
„Stormarn siegt vor dem Schiedsgericht“ lautete am 31. Januar 2003 die Schlagzeile der „Ahrensburger Zeitung“. Zwar hatte der Kreis seine Anteile an der MVA 1996 verkauft, sich aber ein Vetorecht bei Erweiterungsplänen vorbehalten. Das kam nun zur Anwendung.
Seit 2016 gehört die Anlage zur EEW Energy from Waste GmbH, einem Tochterunternehmen des chinesischen Investors Beijing Enterprises Ltd. Zu dem Zeitpunkt konnte Stormarn dem Unternehmen seine Anteile Dank einer alten Klausel noch einmal verkaufen. Als 2017 bekannt wurde, dass ein Ersatz der MVA und eine Erweiterung um eine Klärschlamm- Monoverbrennungsanlage geplant sind, gab es erneut Widerstand. Durch einen niedrigeren Schornstein befürchten die Kritiker eine höhere Schadstoffverteilung, durch erhöhte Kapazitäten komme der „Mülltourismus“ dazu, um den Abfall anzuliefern. Zudem bedeute eine Klärschlamm-Verbrennung eine Kapazitätserweiterung; hier sahen sie den Kreis aufgefordert, erneut von seinem Veto-Recht Gebrauch zu machen.
Die neue MVA wurde gebaut. Am 31. Juli 2025 wurde die alte MVA abgeschaltet. Die Anlage ging nach der Verwertung von insgesamt rund 14,3 Millionen Tonnen Abfällen außer Betrieb. Sie hatte mehr als 5,2 Millionen Megawattstunden Strom und 5,5 Millionen Megawattstunden Fernwärme erzeugt. Der Ersatzneubau wird künftig dieselben Abfallmengen verwerten, aber mit höherer Energieeffizienz. Aus der gleichen Menge Abfall kann die neue Anlage bei gleichbleibender Fernwärmelieferung doppelt so viel Strom erzeugen. Dafür wurden 220 Millionen Euro investiert. Der Bau einer Klärschlammverbrennung wurde im Juli 2024 wegen zu hoher Kosten und zu geringer Gewinnerwartung gestoppt.
















