Kinderarmut im Kreis Stormarn auf Höchststand

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Kreis Stormarn / Ahrensburg

Über 9.000 Fähnchen vor dem Ahrensburger Schloss

Es ist die größte Zahl an Fähnchen, die der Kinderschutzbund jemals vor dem Ahrensburger Schloss stecken musste. Aus Anlass des gestrigen Weltkindertages wurde stellvertretend für jedes von Armut betroffene Kind im Kreis Stormarn ein blaues Fähnchen gesteckt, um ein deutliches Zeichen gegen diesen Missstand in unserer Gesellschaft zu setzen.

Mit der tatkräftigen Unterstützung von Schülerinnen und Schülern der Beruflichen Schulen Ahrensburg wurden 9.085 blaue Fähnchen in die Wiese vor das Ahrensburger Schloss gesteckt.

Im Vergleich zum letzten Jahr ist die Anzahl der Kinder um fast 2.000 gestiegen. Hintergrund ist vor allem die von der Bundesregierung im letzten Jahr vorgenommene Anpassung des Kinderzuschlages mit dem Starke-Familien-Gesetz. Den Zuschlag in Höhe von maximal 185 Euro im Monat gibt es seit dem Jahr 2005. Er steht Familien zu, die zwar berufstätig sind, aber so wenig Geld verdienen, dass es für sie und ihre Kinder nicht zum Leben reicht. Damit sie keinen Antrag auf Hartz-IV-Leistungen für ihre Kinder stellen müssen, wurde der Kinderzuschlag eingeführt. Hatten bis letztes Jahr 800.000 Kinder in Deutschland Anspruch auf diese Leistung, so sind es jetzt fast 2.000.000 Kinder. Bezogen auf den Kreis Stormarn haben nun fast 4.000 Kinder diesen Anspruch.

„Durch diese Änderung wird die verdeckte Kinderarmut in unserem Land endlich besser sichtbar“, so Birgitt Zabel, Vorsitzende des Kinderschutzbundes im Kreis Stormarn. „Und es zeigt, dass weiter dringend Handlungsbedarf besteht.“

„Kinder mit Anspruch auf den Kinderzuschlag haben auch Anspruch auf das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket, so Ingo Loeding, Geschäftsführer und Armutsexperte des Kinderschutzbundes in Stormarn. „Für sie ist das Mindestmaß an Bildung und Teilhabe in unserer Gesellschaft nicht gewährleistet, so ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahr 2009.“

Seit fast 10 Jahren soll deshalb das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket diesen Missstand ausgleichen helfen. „Im letzten Jahr gab es auch hier endlich erste Verbesserungen, die aber lange nicht ausreichen, um armen Kindern und Jugendlichen ein gutes Aufwachsen in unserer Gesellschaft zu ermöglichen und Eltern den andauernden finanziellen Druck nimmt“, so Birgitt Zabel weiter. „Schulkinder erhalten z.B. seit diesem Jahr 150 Euro anstatt 100 Euro jährlich für Schulmaterial, Ranzen, Taschenrechner, Sportzeug etc. Nach eigenen Erhebungen geben Eltern allerdings in der Regel mindestens 400 Euro im Jahr für Schulsachen aus, in Einzelfällen sogar noch deutlich mehr. Und in Zeiten der Corona Pandemie und des Online-Unterrichts ist der Bedarf noch einmal deutlich gestiegen“, so Birgitt Zabel. „Wir freuen uns wirklich, dass sich etwas bewegt und einzelne Maßnahmen, die armen Kindern zugutekommen, bereits umgesetzt werden, doch wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass die Leistungen z.B. für Schulsachen und die Unterstützung für den Besuch von Musikkursen und Sportvereinen 10 Jahren lang nicht erhöht wurden.“

Ingo Loeding resümmiert: „Kinder aus einkommensschwachen Familien sind immer noch von echter sozialer und kultureller Teilhabe weit entfernt. Durch die jahrelange Deckelung und Verringerung ihrer Leistungen sind sie wirtschaftlich noch schlechter gestellt als zuvor. Eine wirkliche Verbesserung ist nur von einer Kindergrundsicherung zu erwarten, welche die Kinder endlich aus dem Hartz-IV-System herausholen würde.“ „Wir fordern“, so Ingo Loeding, dass „Kinder aus ärmeren Familien die gleichen Chancen auf Teilhabe erhalten wie Kinder aus Familien mit einem höheren Einkommen“.

Auch die Städte und Gemeinden im Kreis Stormarn können etwas gegen Kinderarmut tun und die Teilhabe fördern, z.B. dadurch, dass sie Freizeit-, Sport- oder Musikangebote wirklich kostenfrei zur Verfügung stellen. Auch der Eintritt in ein Schwimmbad und das Ferienprogramm für Kinder sollte grundsätzlich kostenfrei sein.

Der Kinderschutzbund beteiligt sich gern weiter an ernstgemeinten Diskussionsrunden und Sitzungen, um Impulse und Beispiele zu geben, wie Kommunen vor Ort kinderfreundlicher werden können und insbesondere die Bedürfnisse von armen Kindern in ihre Überlegungen einbeziehen können.

„Um Kinder und Jugendliche aus armen Familien noch stärker ins Zentrum unserer Gesellschaft zu rücken, braucht es weiter dringend die Anstrengung von vielen Stellen und Menschen“, so Birgitt Zabel, „von öffentlichen Institutionen, Schulen und Kindergärten, Vereinen und Privatpersonen.“

„Wir vom Kinderschutzbund werden auch weiterhin mit unserem spendenfinanzierten Familienhilfe-Notfonds bereitstehen, um Kinder und Jugendliche in einer finanziellen Notsituation zu unterstützen. Das waren im letzten Jahr über 56.000 Euro für Einzelhilfen und Patenschaften für Kinder und Familien. Wir haben dadurch mehr als 1.400 Kinder erreichen können,“ ergänzt Stephanie Wohlers, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes im Kreis Stormarn.

 

Für den Kreis Stormarn fordert der Kinderschutzbund weiter:

  • Regelmäßige Armutsberichterstattung in den Städten und Kommunen
  • Kommunale Hilfsfonds, die arme Kinder und ihre Familien fördern
  • Deutliche Reduzierung der Zuzahlungen im Bildungssystem und kostenfreie Bereitstellung von digitalen Endgeräten sowie Software und Druckern
  • Keine zusätzlichen Zuzahlungen für Eltern in Kindertageseinrichtungen neben den Beiträgen
  • Kostenfreier Zugang für arme Kinder im Rahmen der Offenen Ganztagsschule
  • Kostenfreie Nutzung von kulturellen Veranstaltungen für arme Kinder und deren Familien
  • Ausreichend kostenfreie Freizeit- und Ferienangebote in allen Städten und Gemeinden

 

 

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