Neues aus Żmigród (8)

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Seit 2001 ist Bargteheide mit dem polnischen Żmigród verschwistert. Die niederschlesische Stadt, die 40 km nördlich von Breslau liegt, bildet zusammen mit seinen Umlanddörfern eine Gemeinde. In meiner Kolumne berichte ich auf Basis von Internet- und Pressemeldungen über einige Schlaglichter aus dem Leben unserer polnischen Nachbarn, über ihre Freuden, Hoffnungen, Sorgen und Nöte. Denn die Anteilnahme am Leben einer Partnerstadt sollte sich nicht nur auf Begegnungen einiger weniger Bürger oder Offizieller beschränken.

2. Ruine im Żmigróder Schlosspark heute (Foto: Gemeinde Żmigród)
  • Im letzten Jahr hatte ich über den Tod des Żmigróder Stadthistorikers Paweł Becela berichtet. Nach vielen posthumen Würdigungen wurde am 29. April ihm zu Ehren noch eine Eiche im Schlosspark gepflanzt und ein Gedenkstein enthüllt. In diesem Park steht der historische Turm mit der Touristeninformation, in der Paweł bis zuletzt gearbeitet hatte. Das Schloss gehörte einst der Adelsfamilie von Hatzfeldt und brannte unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg nieder. In den Nullerjahren küsste die Gemeinde dann den verwilderten Park aus seinem Dornröschenschlaf: Für mehrere Millionen Euro wurden das Areal und die Ruine zu einem attraktiven Naherholungszentrum umgestaltet. Das Projekt ist ein Musterbeispiel dafür, wie man im geschichtsbewussten Polen Vergangenheit und Gegenwart gelungen miteinander verbindet. Spötter, die damals über das Vorhaben als „die teuerste Ruine Polens“ lästerten, sind mittlerweile verstummt.
1. Ruine im Żmigróder Schlosspark im Mai 2000 (Foto: Christof Leidner)
  • Gemäß einem aktuellen Ratsbeschluss gibt sich Żmigród neue hoheitliche Symbole. Dazu hatten die Verantwortlichen schon vor 5 Jahren Kontakt zu einem Posener Heraldiker gesucht. Das bisherige Wappen stammte noch aus dem 19. Jahrhundert und ging auf den renommierten deutschen Wappenmaler Otto Hupp zurück. Für manche Ältere, die mit der vertrauten Symbolik groß geworden sind, mag der Gedanke an ein neues Wappen zunächst befremdlich sein. Aber keine Sorge: Turm, Drachen und die rot-weiß-grüne Farbgebung sind erhalten geblieben. Und nach über 120 Jahren darf so ein Facelifting schon sein. Außerdem bekam Żmigród eigene Gemeindesiegel und eine neue Stadtfahne. Um ein Exemplar der Flagge wird sich die Stadt Bargteheide nun wohl bemühen müssen, um auf offizielle Anlässe vorbereitet zu sein.
  • Am 11. Juli verstarb völlig überraschend der langjährige Direktor des Żmigróder Kulturzentrums und frühere Vize-Bürgermeister Dariusz Skiba im Alter von nur 53 Jahren. In den Jahren 2009 und 2010 hatte er das Amt des stellvertretenden Verwaltungschefs inne und repräsentierte Żmigród in dieser Funktion u. a. beim 40jährigen Stadtjubiläum Bargteheides. Herausragende Verdienste erwarb sich Darek beim Ausbau des Kultur- und Freizeitangebots. Denn neben den über 20 Dorfgemeinschaftshäusern in der Gemeinde war er am Ende seiner 18jährigen Tätigkeit als Kulturhauschef auch für den Schlosspark und das Sport- und Freizeitzentrum verantwortlich. Viele Akzente setzte Darek Skiba auch in der Partnerschaft mit Bargteheide, die ihm stets am Herzen lag. Die letzten Jahre lebte und arbeitete er in Norwegen.
  • Am 24. Juni sprach der Żmigróder Gemeinderat Bürgermeister Robert Lewandowski das Vertrauen aus. Was sich so bemerkenswert anhört, ist im polnischen Kommunalrecht ein völlig normaler Vorgang. Alljährlich zum 30. Juni müssen die Verwaltungschefs nämlich ihren lokalen Parlamenten einen Rechenschaftsbericht über das vorangegangene Jahr vorlegen. Danach folgen eine Aussprache und eine Vertrauensabstimmung mit der die Parlamentarier eine formelle Entlastung erteilen. Geschieht dies nicht, kann ein Referendum über die Abberufung des Bürgermeisters eingeleitet werden. Und wenn jemand von mir erwartet, dass ich diese Regelung jetzt mal gedanklich auf die aktuellen Bargteheider Verhältnisse übertrage, muss ich ihn enttäuschen. Das, liebe Leserinnen und Leser, müssten Sie dann ggf. schon selbst tun.
  • Genau wie in Deutschland haben auch in Polen Schüler, Lehrer und Eltern das abgelaufene Corona- Schuljahr mit großem Erleichterungsseufzer hinter sich gelassen. In einem Interview mit dem Żmigróder Stadtmagazin zieht die Direktorin der Bolesław-Chrobry-Grundschule (bis Klasse 8), Dorota Jakusztowicz, eine Bilanz der letzten Monate. Viele Erfahrungen dürften deutschen Schulen nur allzu vertraut sein: von Problemen der Hardware-Ausstattung in sozial schwachen Familien bis zu psychologischen Schülernöten bei der Rückkehr in den Präsenzunterricht. Immerhin hat Dorota Jakusztowicz auch positive Seiten beim Fernunterricht wahrgenommen: z. B. den Aufbau vermehrter Digitalkompetenz und eine Sensibilisierung für den Internet-Einsatz im Unterricht. Fernunterricht erfordere eigene Konzepte und höheren Einsatz von Schülern, Lehrern wie auch Eltern. Die Lehrerschaft der Schule hat die Erfahrungen der Corona-Krise ausgewertet und für die weitere Zukunft ihre Schlüsse daraus gezogen.
4. Enthüllung der Gedenktafel für Paweł Becela – v.l.n.r.: Ratsvorsitzender Czyżowicz, Stv. Bürgermeister Siuda, Jolanta Becela (Foto: Gemeinde Żmigród)

Text: Christof Leidner

Bildmaterial: Internetseiten der Gemeinde Żmigród, des Kulturhauses in Żmigród und der Żmigróder Touristeninformation, privates Bildarchiv Christof Leidner

1 Kommentar

  1. Christof Leidners Kolumne gibt einmal mehr interessante und informative Einblick in das Leben der Bargteheider Partnerstadt, gerade auch für jemanden wie mich, die ich noch nicht dort war und keinen Ansprechpartner in der Stadt habe.
    Großen Respekt verdient meines Erachtens die Umgestaltung der Schlossruine mit verwildertem Park zu einem Naherholungszentrum, das sicherlich nicht nur für die Bürgerinnen und Bürger ein schöner Ort ist, um sich dort aufzuhalten,sondern auch für Besucher des Ortes eine kleine Attraktion darstellt.
    Und auch die politische Information lässt aufhorchen. Dass in einem Land, deren Regierung nicht gerade für die Stärkung der Demokratie bekannt ist, in Kommunen ein Bürgermeister nicht automatisch für eine Legislaturperiode im Amt ist, sondern jedes Jahr erneut entsprechende Leistungen erbringen muss, um bestätigt zu werden, klingt durchaus fortschrittlich.
    Dass aber in Zmigrod die Menschen mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie wir, das zeigt sich im Bildungsbereich. Hier wie dort wird durch die Pandemie offensichtlich, wie weit die Digitalisierung in diesem Bereich hinterhinkt. Aber auch der dringende Wunsch, endlich wieder Präsenzunterricht durchführen zu können, klingt an.
    Es wäre schön, wenn diese Kolumnen dazu führen könnten, dass mehr Bürgerinnen und Bürger sich für das Leben in der Partnerstadt interessieren und sich aktiv für diese Parterschaft einsetzen, dass es nicht nur der Wegweiser am Markt ist, der auf diese Städtepartnerschaft hinweist.
    Hannelore Walther
    PS: Dieser Wegweiser muss dringend repariert werde. Vielleicht findet sich jemand, der Lust und Zeit hat, diese Aufgabe zu übernehmen?

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